Workshop, Berlin, 17.-19. Mai 2019  

Wie verhält sich die Philologie der Moderne zu ihrer Tradition? Die „Kritik an der Haltung des Philologen“ sei ihm ein „altes Anliegen“, schrieb Walter Benjamin 1938 an Adorno. Die Philologie beschreibt er als „diejenige an den Einzelheiten vorrückende Beaugenscheinigung eines Textes, die den Leser magisch an ihn fixiert“ und benennt seine Orientierungspunkte: „Fausts schwarz auf weiß nach Haus Getragenes und Grimms Andacht zum Kleinen sind eng verwandt“.
In seiner Habilitationsschrift stellte Benjamin fest: „Im nackten offenkundigen Bestand des Faktischen gibt das Ursprüngliche sich niemals zu erkennen, und einzig einer Doppeleinsicht steht seine Rhythmik offen.“ Die Frage nach dem kritischen Potential der Philologie im Umgang mit Mehrdeutigem, Nicht-Quantifizierbarem, Un-Berechenbarem ist von unzweifelhafter Aktualität: Es geht um das, was digitale Eindeutigkeit zwischen 0 und 1 nicht abbilden, totalitäre Strukturen nicht zulassen und schwarz-weiße Weltbilder nicht erfassen können.
Benjamin kritisiert Konrad Burdach und seine Methodik der „unkritischen Induktion“ und bricht mit Traditionslinien, die über Wilhelm Scherer und Moriz Haupt zu den Brüdern Grimm und Karl Lachmann zurückreichen. Im Trauerspiel-Buch schließt er sich rückhaltlos dem Außenseiter Franz Joseph Mone an, dem die Brüder Grimm wiederholt Quellenferne und theoretische Schwärmerei vorgeworfen haben. Dennoch, in der „notwendigen Richtung aufs Extreme“, in der Erforschung des nur scheinbar Unbedeutenden, waren die Grimms und Benjamin Brüder im Geiste.
Benjamin richtet seinen Blick auf die Ursprünge einer modernen „germanischen Philologie“ im 19. Jahrhundert zu einer Zeit, in der die Disziplin sich zwischen national und nationalistisch positionieren muss. Wir wollen den Umgang mit der philologischen Tradition im 20. Jahrhundert untersuchen.
Organisation:
Marie Millutat
Freie Universität Berlin
Philip Kraut
Humboldt-Universität zu Berlin
Unterstützt von der Arbeitsstelle Grimm-Briefwechsel der Humboldt-Universität zu Berlin